Was ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist? Womöglich nicht allzu vieles. Mithin aber vielleicht eine Band, deren Zeit gekommen ist! Denn eine Idee besteht ja sozusagen lediglich aus sich selbst; eine Band hingegen besteht nicht nur aus der ihr zugrunde liegenden Vision, sondern vor allem aus ihren Mitgliedern, die sich gegenseitig bestärken. Aus Menschen, die einander ergänzen und dadurch größer zu werden vermögen als die Summe der Einzelteile. Aus Künstlern, die womöglich spüren, dass ihre Zeit gekommen ist. Ein Klischee? Selbstverständlich – doch immer wieder, in größeren zeitlichen Abständen, wird es von der Realität bestätigt. Und der Hörer begegnet außergewöhnlichen Bands, deren Werk klar macht, dass sie sich gerade auf einem selten zu erreichenden Kulminationspunkt, einem Höhenflug befinden. Bands, die auf den Schwingen von Enthusiasmus geradezu schweben, dermaßen durchdrungen vom eigenen Schaffen, dass es fast schon unheimlich ist! Alle möglichen Elemente fließen in spektakulärer Weise zueinander; jeder gelungene Song birgt in sich schon den Ansporn, einen Weiteren in ähnlich bravouröser Weise zu erschaffen: in der Musik ist es förmlich greifbar, dass sich hier eine Glanzphase quasi selber auskostet!

An genau diesem (für manche Band ewig unerreichbaren Punkt) sind MONO INC. im Jahre 2008 mit ihrem von samtener Dunkelheit erfüllten Werk „Pain, Love and Poetry“ angelangt! Was also zählt das Früher, das Zustandekommen, der öde Rückblick auf den Aufbau – wenn das Hier und Jetzt dermaßen überwältigend ist? Ein bisschen was zählt es durchaus, vor allem, wenn es von einer außergewöhnlichen Vita sonderbarer Schicksalswendungen geprägt ist. Und genauso verhält es sich mit der MONO INC.-Historie. Aus der Umklammerung einer Major-Plattenfirma entflieht eine Combo freiwillig, um unter neuem Namen, zunächst labellos, vertriebslos, managerlos, mitnichten hoffnungslos wieder von Grund auf neu anzufangen. Und solches aus einem einfachen, ehrlichen, altbekannten und doch ganz großartigen Wunsch heraus: frei von Erfolgsdruck schlichtweg die Musik zu gestalten, die im Innern schwingt – ohne jegliche Rücksichtnahme auf Strategien, Entwürfe, Forderungen von außen.

Einen solchen Umbruch vollbringt die erste Besetzung von MONO INC.: Martin, Miky und Carl schütteln um die Jahrtausendwende ihr vorhergehendes musikalisches Leben ab, sagen den Plüschsesseln der Business-Class good-bye, um sich seit 2003 unterstützt durch Neuzugang Manuel ihrer ureigenen Musikvision zu widmen! Sie veröffentlichen im Jahr 2004 ihr Debüt „Head Under Water“, lassen im Herbst 2006 die MCD „Somberland“ folgen – und stehen dann erst einmal vor einem unverhofften Scherbenhaufen: sie trennen sich von Sänger Miky. Was bei 90% aller Bands das Ende bedeuten würde, erscheint rückblickend wie eine Aufsehen erregende Fügung: Hauptsongschreiber Martin, bislang Drummer, wird von den Bandkollegen gegen seine Gewohnheit ans Mikrophon gebeten – und der unerwartbare Höhenflug nimmt seinen Lauf! Den vakanten Platz am Schlagwerk nimmt im Übrigen die junge Katha Mia ein, die Monate zuvor spaßeshalber ihre Dienste angeboten hatte – falls denn Martin mal aus irgendwelchen Gründen den Drummerjob nicht mehr versehen sollte…! Vorsehung? Augenzwinkernder Eingriff der Götter?

Sei’s drum: seitdem läuft es rund – beängstigend rund, wie man fast schon sagen könnte. Eine folgenschwere Tour mit Xandria schließt sich an, und im Sommer 2007 die Veröffentlichung des rundum überzeugenden Albums „Temple Of The Torn“. Hiernach die Download-Veröffentlichung dreier ausgewählter, betörender Unplugged Songs, die auf einer privaten Party anlässlich Katha Mias Geburtstag aufgenommen wurden; der Mono Inc.-Rocker „Burn Me“ wird zum Titelsong der DSF-„OPC Race Camp“-Serie erkoren. Im Herbst 2007 schließlich wird in Zusammenarbeit mit Xandria-Sängerin Lisa Middelhauve die Hammer-Ballade „Teach Me To Love“ produziert, die im April 2008 als MCD veröffentlicht wird.

Und nun, im Mai 2008, folgt das Album „Pain, Love And Poetry“. Hier schließt sich der Reigen: In einer von sich selbst überzeugten, doch niemals selbstverliebten Souveränität rollt dieses Werk ins Ohr des Hörers. Schlichtweg inflationär wirft die Band mit dramatischen, geradezu umwerfend emotionalen Ohrwürmern der Sonderklasse um sich: Man hört den von Piano und Goth-Rock-Gitarren getragenen seidig-bombastischen Song „This Is The Day“ und denkt: ‚Ah, der Radio-Hit!‘, ein Song, der die von vorhergehenden Mono Inc.-Stücken schon bekannte, faszinierend leidenschaftliche Sehnsucht, ein anderes Sein zu erreichen, brillant transportiert! Direkt danach aber spürt man, dass es keine Zeit zum mentalen Ausruhen gibt, denn „The Last Waltz“ ertönt – so intensiv, so berauschend, dass das Herz einen Stich bekommt! Beruhigt nun lehnt man sich zurück, in der Gewissheit: Schlimmer kann man ja jetzt nicht mehr erwischt werden in seiner lauschenden Hilflosigkeit! Doch zu allem Unglück folgt nun „Teach Me To Love“, der Überhit, ein unwiderstehlicher Juwel von Ballade, fast möchte man sagen: ein Jahrhundertsong! Ein echter Klassiker jener Kategorie von Liedern, die einem das Gefühl geben, dass sie schon immer da waren – in der Welt, im eigenen Innern. Fünf Minuten, die niemanden unberührt lassen können, denen sich niemand entziehen kann! Göttliche Schlichtheit. Endloser Gänsehautschauder. Lisas Stimme trifft den Hörer ins erotische Zentrum. Dieser Schmelz ist unüberwindbar! Schlimm, dass sie uns das antun!

Doch Mono Inc lassen nicht los: „Life Hates You“ und „Pain Machine“ fesseln weiterhin in ergreifender, leicht morbider Balladen-Manier; und mit überraschenden, auch augenzwinkernden Anleihen aus dem Blues-Rock warten die Songs „Bloodmoon“ und „Planet Shame“ auf – während hingegen das dramatisch-dichte, ein 80’s-Flair mitbringende „Sleeping My Day Away“ oder das straighte „Get Some Sleep“ die absoluten Live-Knaller sein dürften.

Unfassbar ist der Lauf, den diese Band momentan vorzuweisen hat! Die knapp 53 Minuten hinterlassen eine ratlose Atemlosigkeit, die Meilensteinen eben zu eigen ist: Das Werk an sich ist stets zwingender als alle Worte darüber, es überrascht womöglich die Künstler selber, wirkt entrückt – als ob sie etwas aus sich erschaffen hätten, dass größer ist als jegliche Umstände in Aussicht zu stellen versprachen. Und aus jedem Takt springt einem die Gewissheit entgegen: Unwiderstehlich ist eine Band, deren Zeit gekommen ist!